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Zeit 10.02.2005

Die ehrliche Hochstaplerin

Kann man eine zum Tode Verurteilte spielen, wenn man selbst nie in Lebensgefahr war? Eine Begegnung mit Julia Jentsch, der Hauptdarstellerin des Filmes »Sophie Scholl – Die letzten Tage«

Von Peter Kümmel

Am Abend des Tages, als Julia Jentsch in der Rolle der Sophie Scholl zum Schafott geführt wurde und die Hinrichtungsszene spielte, musste sie auf der Bühne der Münchner Kammerspiele gleich noch einmal ihr Leben lassen, als Antigone. »Da dachte ich mir«, sagt Julia Jentsch, »das kann nicht sein, ich bin doch heute schon gestorben.«

Das ist wohl das Los einer außergewöhnlichen Schauspielerin. Etwas Besseres als ihren Tod finden die Regisseure selten. Diese Spielerin will man bis zum Ende begleiten, und in der Art, wie sie den Schmerz gestaltet, ist sie unsere würdige Stellvertreterin. Wenn es zum Wesen der Tragödie gehört, dass ihre Helden in den Zuschauern einen Trennungsschmerz erzeugen – der Held geht, wir bleiben zurück –, dann hat Julia Jentsch das Zeug zur Tragödienspielerin.

Sie stirbt als Desdemona in Othello (unter Luk Percevals Regie auf der Bühne der Münchner Kammerspiele), sie stirbt als Antigone am selben Ort (unter Lars-Ole Walburgs Regie), sie wird vernichtet als Brunhild in Hebbels Nibelungen (Regie: Andreas Kriegenburg). Und sie wird zum Schafott geführt in Sophie Scholl – Die letzten Tage, dem Film von Marc Rothemund (Regie) und Fred Breinersdorfer (Buch), der jetzt im Wettbewerb der Berlinale zu sehen ist.

Der Film handelt von den letzten Lebenstagen der Sophie Scholl; er beginnt am 17. Februar 1943 und endet am 22. Februar 1943, 17 Uhr, mit Sophies Hinrichtung. Er zeigt, wie Sophie mit ihrem Bruder Hans und den Leuten von der Widerstandsgruppe »Die Weiße Rose« ihre Flugblattaktion plant, wie Hans und Sophie in der Münchner Uni gefasst werden (Sophie stieß im Übermut, vom Adrenalin berauscht, einen Stapel Flugblätter aus dem obersten Stock ins Treppenhaus), wie Sophie von dem Gestapo-Beamten Robert Mohr verhört wird, wie Hans und Sophie Scholl und ihr Mitstreiter Christoph Probst vom »Blutrichter« Roland Freisler, dem aus Berlin angereisten Präsidenten des Volksgerichtshofes, niedergeschrien und zum Tod verurteilt werden, und er zeigt, wie Sophie in der Metallmanschette unter dem Fallbeil zu liegen kommt. Keine Vorgeschichte, keine Nebenhandlung, nur dies: Eine Frau wird in ein System eingegeben, das keine Umkehr, keine Gnade kennt. Die Zuschauer begleiten sie bis zum Ende.

Es ist eine Opferrolle, aber Julia Jentsch spielt sie so, dass das Opfersein wie eine freie, wie die einzig mögliche Entscheidung erscheint; diese Frau hat beschlossen, sich in der Entwaffnung zu behaupten.

Gibt es eine schauspielerische Methode, mit der sie sich der Sophie Scholl genähert hat? Gab es Momente, da sie sich mit ihr eins gefühlt hat? Oder blieb Sophie eine mystisch-überlegene Dialogpartnerin?

»Dialogpartnerin«, sagt Julia Jentsch, »ist ein Wort, das es vielleicht trifft. Man hofft bei jeder Figur, dass man für sie die geeignete Methode findet. Es ist der Versuch, an die Wahrheit einer Person heranzukommen. Man sucht Strohhalme, etwas, was einem helfen kann, seien es Texte oder Zeitzeugenerzählungen oder Fotos. Man sammelt das alles. Wenn man in Räumen war, von denen man wusste: Da ist Sophie Scholl auch durchgegangen, fragt man sich schon: Was hat sie gedacht; was hat sie wahrgenommen? Wie ist sie gegangen? In solchen Momenten sieht man sie neben sich und würde sie gerne fragen können.«

Julia Jentsch sagt oft »man«, wenn sie »ich« meint. Sie weiß demonstrativ weniger als jede ihrer Figuren, sie ist scheuer als die renitente Jule (in Hans Weingartners Filmkomödie Die fetten Jahre sind vorbei), sie ist vorsichtiger als Antigone, zurückhaltender als Desdemona, bedächtiger als Sophie. Im Gespräch hat man den Eindruck, diese Differenz belustige sie und sei ihr peinlich – als müsse man sie für eine Hochstaplerin halten, die in Schicksalen steckt, die sie nicht kennt, und Affekte herstellt, die nicht ihre sind.

Gibt es Momente, wo man so etwas wie spirituelle Nähe zur Person spürt, die man darstellt? Wo man hofft, Sophie Scholl sehe einem beim Spielen zu?

»So weit«, sagt Julia Jentsch, »würde ich nicht gehen. Man wünscht sich, es möge im Film einen Moment geben, der dem nahe kommt, was sie gefühlt hat. Aber das ist absurd, das ist vermessen. Die Geschehnisse bleiben weit weg. Man weiß als Schauspielerin, dass man nicht empfinden kann, was sie empfunden hat; der Respekt ist auch zu groß. Man weiß: Ich werde hier gleich nicht sterben, und sie hat halt gewusst: Jetzt ist mein Leben zu Ende. Als Schauspieler bleibt einem nur, diese Gedankenarbeit zu tun: Wie wäre das für dich, wenn man es dir gleich sagen würde, dass du jetzt sterben musst?«

Julia Jentsch kam am 20. Februar 1978 in West-Berlin zur Welt. Ihre Eltern sind Juristen. Ihre Biografie ist so bundesdeutsch ereignis- und schmerzensarm, wie es sich gehört für ein Kind, das in die längste friedliche Phase der europäischen Geschichte hineingeboren wurde. Der Interview-Gemeinplatz von der schönen Schauspielerin, die dem Berichterstatter »ungeschminkt« entgegentritt und in der Garderobe viel jünger, blasser und kleiner wirkt als auf der Bühne – bei Julia Jentsch erschließt sich darüber ein Stilprinzip.



Das Terrorsystem lässt seine Folterinstrumente aufblitzen

Es scheint, als habe sie, wenn sie unter der Haube der Rolle hervorkommt, auch nicht mehr als wir über den Menschen erfahren, den sie da gespielt hat. Sie wirkt dann verlegen, wie entwaffnet, als sei ihr Wille, ihr Lebenskompass bei der Figur geblieben. Jedoch, wenn sie in der Rolle ist, weiß sie über die Figur das Wesentliche. Diese Spielerin kann nicht sagen, wie sie’s macht, aber sie weiß genau, was sie tut.

Auf der Bühne ist Julia Jentsch eine bisweilen exzentrische, offensive, herausfordernde Schauspielerin. Im Film »macht« sie viel weniger. Sophie am Vorabend der Verhaftung – bei Julia Jentsch leuchtet sie in der Hochstimmung der richtigen Entscheidung. Mit ihrem Bruder Hans (Fabian Hinrichs) bildet sie eine selig erschöpfte, fast amouröse Einheit. Sophie lächelt, als wisse sie genau, an welchem Punkt ihres Weges sie sich befindet. Sie spürt den Seelenfrieden eines Menschen, für den Berechnung keinen Sinn hat. Als sie verhaftet und dem Verhörbeamten Mohr vorgeführt wird, entwickelt sie eine Ruhe im Sturz. Sie setzt große List und verblüffendes schauspielerisches Talent ein, um heil aus allem herauszukommen, doch insgeheim beginnt sie wohl schon, sich mit dem Tod vertraut zu machen und in ihm die letzte Freiheit zu erkennen.

Das Nazisystem lässt in der Ferne die Folterinstrumente blitzen, doch noch tarnt es seine Bestialität hinter Bürovorgängen. Dunkles Holz, Aktendeckel, Stempel, Federgekritzel, aufsteigender Rauch von der anderen Schreibtischseite, das Knistern von Tabak: Das System suggeriert, dass sein Opfer erst mal mit Milde und Geduld rechnen kann. Und Julia Jentsch spielt die Sophie mit einer gespannten, den Raum prüfenden Ergebenheit. Sie hat schon »draußen« gelernt, dass man als Frau in der Lage sein muss, sich von groben Männern umringen zu lassen, ohne Angst zu zeigen.

Manchmal senkt sie den Kopf und lässt den Hass auf sich niederregnen. Und manchmal wirkt sie, als blicke sie aus großer Ferne auf den Moment – da gerät sie in die Nähe von Sandrine Bonnaires Jeanne d’Arc in Jacques Rivettes Johanna-Filmen. Sie ist zum Umkehren, zum Taktieren »unter Umständen«, zum Mitmachen schon nicht mehr bereit; die Umstände brechen sie nicht, sie trennen sie nur von der Allgemeinheit.

»Es wäre übertrieben zu sagen, ich hätte mein Leben geändert nach der Rolle der Sophie«, sagt Julia Jentsch, »denn dann müsste ich in äußerster Konsequenz ja aufhören, Schauspielerin zu sein. Aber ich habe die Hoffnung, dass das Spielen mich verändert. Wenn man so einen Menschen wie sie gespielt hat, hat man etwas, woran man sich halten kann: Man kann an dieses Spielen immer zurückdenken. Ich habe die Ahnung, dass ich feige wäre in Situationen, in denen man Zivilcourage zeigen müsste. Trotzdem ist der Wunsch da, es gäbe einen Mut, der im entscheidenden Moment wachsen könnte; dass man mutiger wird in Situationen, wo es extrem drauf ankommt.«

Um Julia Jentsch reißen sich die Filmregisseure spätestens seit Hans Weingarnters Fetten Jahren. Aber das Theaterspielen will sie nicht aufgeben. Sie liebt den Moment, »da eine Art Glocke der Spannung entsteht und Zuschauer und Bühne überwölbt. Diesen Erzählraum, unter dem man zusammen ist in einer Geschichte, den möchte ich nicht missen. Wenn eine Kommunikation zustande kommt, das Teilen eines Erlebnisses, dann ist das wunderbar.«

Sie hat an der Berliner Schauspielschule Ernst Busch studiert, und seit 2001 ist sie Ensemblemitglied der Münchner Kammerspiele. »Kindfrau« hat man sie genannt, und ihre Antigone hat man mit Lara Croft verglichen. Tatsächlich erinnert sie in Lars-Ole Walburgs Inszenierung an eine Athletin, die sich in der antiken Götterwelt behauptet wie in einem Ballwechsel und ihren Untergang erwartet wie den letzten, unerreichbaren Return.

»JJ ist keine richtige Schauspielerin«, sagt der Münchner Kollege

In Luk Percevals Inszenierung von Shakespeares Othello, die Sex, Gewalt und Macht cool in eins setzt, spielt sie Desdemona, das junge Weib des »Mohren« (den in München der sehr hellhäutige Thüringer Thomas Thieme spielt). Unter lauter dunkel gekleideten, einsam tanzenden, ihre Stimmen wie zerfetzte Fahnen wehen lassenden Männern, nein: Mackern, Brechern, Salonsäcken, dumpfgeilen Vollhorsten, ist Julia Jentsch das schimmernde Wesen aus dem Licht. Othello holt sich das Licht in seinen Hof. Das Paar wird voll Neid und Ekel begafft wie zwei vom Fieber Befallene; Desdemona und Othello hängen leckend aneinander; sie unterbrechen ihr Gespräch auch im Kuss und ihren Kuss auch im Gespräch nicht. Desdemona schiebt den rüden Kerl wie einen Stier durch den Raum. Ihre Ehe ist ein einziger Akt der Entwaffnung, Desdemona zähmt täglich die Mannsbestie und führt sie an den Genitalien wie an einem Zaumzeug.




Thomas Thieme, der den Othello spielte, hat seiner Desdemona, Julia Jentsch, die er JJ nennt, kürzlich in einem Heft der Münchner Kammerspiele diese Liebeserklärung gemacht:

»JJ ist gar keine richtige Schauspielerin, so wie die tristen Schauspielschulen sie gern begabt einsammeln, ein paar Jahre verunstalten und dann aufs Stadttheaterpublikum losjagen… JJ scheint den Verbesserungsvorschlägen der Kadettenschule Ernst Busch entkommen zu sein. Vielleicht hat sie glücklicherweise oft gefehlt. Sie kann das alles nicht, was Schauspieler können sollen müssen… So unverstellt zeigt niemand sich selbst, so wird niemand rot, so kann keine lächeln. Keine kann so rührend nachdenklich sein und so gelähmt erschüttert. Und sie erfüllt dabei nie Vorgaben, schon gar nicht die von Herrn Ernst Busch. Sie braucht keinen Regisseur zum Gehen, sie braucht einen zum Fliegen.«

Julia Jentsch als Desdemona ist ein Mädchen, das vom »Fleisch« betört und in den Orkus gezogen wird. Julia Jentsch als Sophie Scholl ist ein Mädchen, das allem Fleischlichen – der Bequemlichkeit, dem Weiterlebenwollen – widersteht und ihre Seele rettet.

Sieht man Julia Jentsch in beiden Rollen, dann ahnt man, dass diese Frau, die keine richtige Schauspielerin ist, zum Fliegen gar keinen Regisseur mehr braucht; sie hat es sich schon selbst beigebracht.

 
© Julia-Jentsch.de 

 

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