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Home - Interviews - Sophie Scholl Berliner Morgenpost

Erinnerung muß sein

Ob sie so stark gewesen wäre, weiß sie nicht, sagt Julia Jentsch, die jetzt Sophie Scholl spielt

Berliner Morgenpost
13.februar 2005

In "Der Untergang" ging sie leer aus. Da war sie nur kurz als Bewerberin für die Stelle als Hitlers Sekretärin zu sehen. Aber der Posten ging bekanntlich an Alexandra Maria Lara. Seit "Die fetten Jahre sind vorbei" ist Julia Jentsch aber nicht nur national ein Begriff. Im Kino ist sie derzeit auch in "Schneeland" zu sehen. Nun spielt sie die Titelrolle in "Sophie Scholl - Die letzten Tage" und dürfte damit das Gesicht dieser Berlinale werden. Peter Zander sprach mit der 21jährigen.

Berliner Morgenpost: Wie haben Sie reagiert, als Sie dieses Angebot erhielten?

Julia Jentsch: Im ersten Moment habe ich natürlich gedacht: Da gibt's doch schon einen Film! Ich kannte "Die weiße Rose" von Michael Verhoeven, "Fünf letzte Tage" von Percy Adlon hatte ich noch gar nicht gesehen. Gott sei Dank, muß ich fast sagen, denn der ist unserem ja näher.

Sophie Scholl ist nicht nur eine historische Figur, sie ist eine Ikone. Wie bereitet man sich auf solch eine überdimensionale Rolle vor?

Alles, was ich bis dahin über sie wußte, hatte ich aus dem Geschichtsunterricht. Das waren aber relativ unklare Vorstellungen. Deshalb habe ich erst mal alles, was es an Material gab, gelesen. Bücher, ihre Tagebuchaufzeichnungen, Briefe, die Verhörprotokolle natürlich. Es war ein Geschenk, daß sich Marc Rothemund und der Autor Fred Breinersdorf schon lange mit dem Thema beschäftigt hatten. Sie konnten mir sagen, für die und die Szene könnte die und die Tagebuchnotiz interessant sein.

Auch der Vergleich mit Lena Stolze, der Sophie-Scholl-Darstellerin in den beiden früheren Filmen, drängt sich auf. Zumal sich eine gewisse Ähnlichkeit nicht leugnen läßt.

Komisch, das hat neulich schon mal jemand gesagt. Das finden wir beide überhaupt nicht. Wir haben uns neulich getroffen und festgestellt: Da ist doch gar keine Ähnlichkeit! Das macht wahrscheinlich einfach die Frisur.

Ist es nicht so, daß Sie da gegen ein doppeltes Bild anspielen müssen: das der echten Sophie Scholl und das von Lena Stolze gespielte?

Das sind schon Gedanken, die man sich macht. Das Buch und die Geschichte haben mich aber so gepackt, daß am Ende die Lust und die Neugierde die Skepsis überwogen und ich mich entschloß: Das mache ich jetzt! Wäre das ein Remake geworden, hätte ich es nicht gemacht. Es geht in diesem Film aber gerade darum, ein neues Bild von Sophie Scholl zu zeichnen, das erst durch die neuen Quellen entstand.

Sie haben während der Dreharbeiten noch parallel in mehreren Theaterstücken auf der Bühne gestanden. Wie haben Sie dieses Pensum bewältigt?

Das war schon ein immenser Zeitdruck. Ständig mußte man auf die Uhr gucken, wenn man noch mal fünf Minuten drehte und noch mal fünf. Denn irgendwann war klar: Jetzt muß die ins Theater, sonst schafft sie das nicht mehr. Aber das war von Anfang an klar, und Marc Rothemund hat mich explizit gefragt: "Julia, willst du das trotzdem machen?" Ich habe mich auch gefragt, ob das nicht verantwortungslos ist, ob es dem Film schaden könnte. Am Ende war es dann aber sogar so, daß mir diese Erschöpfung eine neue Kraft gab. Sich derart zu verschwenden, ist wunderbar. Das passiert auch nicht oft.

Ist Ihnen denn je mal ein Patzer passiert, abends auf der Bühne?

Ich muß auf Holz klopfen: nee. Da waren keine Hänger, keine Blackouts. Der Vorteil am Theater ist ja, daß man sich die Rollen über einen längeren Zeitraum erarbeitet. Man muß sich dann schon ein bißchen drauf verlassen können, daß das Gefühl einfach wieder da ist, wenn man auf der Bühne steht. Es gab allerdings Momente, da schlief ich hinter der Bühne fast ein. Da war es schon ein Kampf, sich wachzuhalten. Einmal, ein einziges Mal war ich wirklich irritiert. Das war in "Antigone", da sagte ich: "Und wenn ich dadurch sterbe..." Und dachte plötzlich: Aber du bist doch heute morgen schon hingerichtet worden! Das war ganz gruselig in dem Moment.

Wie ist das: eine Szene unterm Schafott zu spielen? Ich gehe mal davon aus, daß kein Fallbeil dranhing. Aber was geht da emotional in einem vor?

Das war schon extrem, das steckt man nicht so weg. Wir sind da in ein Krankenhaus gefahren, in eine richtige Pathologie. Da waren diese Fliesen, diese Gerüche, die Guillotine. Und der Mann, dem die Guillotine gehört, der war auch da und erzählte, wie viele Menschen damit hingerichtet wurden. Natürlich war das merkwürdig, als ich mich schließlich auf das Brett legte. Aber am Ende geht man das ganz technisch an, das ist dann ein Vorgang wie jeder andere.

Wie historisch mußte, wie heutig sollte der Film eigentlich sein?

Der Film ist schon historisch zu sehen, aber man den Fokus nicht allzu sehr auf das Zeitkolorit gelegt. Marc hat uns etwa in unseren Kostümen mal in ein ganz normales Café gesetzt, um zu testen, wie das wirkt, und da hat niemand komisch geguckt. Er hat aber nicht ständig Hakenkreuze ins Bild gerückt, um die Distanz nicht noch größer zu machen. Denn es sollte auch gültig sein für unsere Zeit.

Wobei sich, bei einem derartigen Film über Zivilcourage, die Frage stellt: Wie hättest du dich verhalten?

Das fragt man sich, klar. Ich würde mir schon wünschen, aber daran zweifeln, daß ich so stark wäre. Man weiß ja, wie viele sich anders verhalten haben. Eine gültige Antwort darauf zu haben, wäre vermessen. Daß wir heute in einer Welt leben, in der man sich diese Frage in dieser Konsequenz nicht zu stellen hat, ist ein Glück. Und eine Verpflichtung zu erinnern an das, was war.
 
 

 
© Julia-Jentsch.de 

 

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